Aktiv trotz Demenz

Pfarrer Hans Martin Schroeder

„Das Leben ist eine große Kraft“

Diagnose Alzheimer: Elke-Maria und Pfarrer Hans Martin Schroeder erzählen, wie sie damit umgehen

Von Astrid Amelungse-Kurth
Starnberger Merkur vom 8. November 2017

Starnberg – An diesem Sonntag hält Pfarrer Hans Martin Schroeder (60) in der Friedenskirche in Starnberg seinen letzten Gottesdienst. Fünf Jahre lang hat er die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in Starnberg geleitet. Damals suchte er nach einer neuen Herausforderung, nachdem er zuvor der Versöhnungskirche in München-Harthof vorstand, einer Gemeinde mit sozialen Brennpunkten. Dass er nur fünf Jahre in Starnberg bleiben würde, war seinerzeit nicht vorgesehen. Nun aber muss er sich einer neuen Herausforderung stellen. Er hat Alzheimer. Zum Gespräch des Starnberger Merkur mit seiner Frau Elke-Maria (69) setzt sich Hans Martin Schroeder später dazu. Er war von einem Termin zurückgekommen.

- Frau Schroeder, vor knapp einem Jahr hat Ihr Mann die Diagnose erhalten, dass er Alzheimer hat. Wie wurde das festgestellt? Bestand bereits ein Verdacht, sodass Sie zum Arzt gegangen sind?

Elke-Maria Schroeder
: Eigentlich nicht. Ich hatte selber einen Arzttermin. Bei der Gelegenheit erzählte ich dem Arzt, dass mein Mann eines Morgens beim handschriftlichen Schreiben eines Briefes, was er jeden Morgen tat, plötzlich nicht mehr wusste, wie man ein „d“ schreibt. Der Arzt hat eine Neurologin empfohlen, die meinen Mann in das Institut für Schlaganfall und Demenz in Großhadern geschickt hat. Dort begann eine lange Reihe von Untersuchungen, und nach ein paar Monaten wurde uns die Diagnose mitgeteilt.

-Wie gehen Sie damit um?

Natürlich sind wir zunächst durch ein Tränental hindurch gegangen, haben es unseren Kindern erzählt (Anm. d. Red.: Das Ehepaar Schroeder ist seit 27 Jahren verheiratet, beide Partner haben fünf erwachsene Kinder aus jeweils erster Ehe) und dachten zunächst, dass das Thema bei uns bleibt. Dann aber haben wir sehr schnell gemeinsam beschlossen, damit offensiv umzugehen, bevor in der Stadt Gerede entsteht. Jetzt kommen von vielen Seiten mitfühlende und einfühlsame Worte und Zuspruch. Das tut gut.

-Und trotzdem verlassen Sie die Stadt Starnberg?

Es ist üblich, dass Pfarrer das Feld für den Nachfolger räumen. Und es ist richtig, nicht mehr im Ort zu sein. Meinem Mann ist es auch wichtig, erhobenen Hauptes zu gehen.

-Wohin ziehen Sie?

Nach Rosenheim. Wir haben beide schon dort gelebt und haben da Freunde, sind also in ein soziales Umfeld eingebunden und fangen nicht bei Feuer und Rad an.

-Ein Umzug ist ja immer mit viel Unruhe und Stress verbunden, den gerade Alzheimer-Patienten vermeiden sollen. Ist es für Ihren Mann eine große Belastung?

Es ist total entspannt. Uns werden die Kisten gepackt, und dank der Kollegen meines Mannes konnte er die Arbeit langsam ausklingen lassen.

-Die Pfarramtsführung hat er ja schon vor Monaten abgegeben ...

Damit fiel die zeitaufwendige Verwaltungsarbeit weg und mein Mann konnte sich ganz den Gottesdiensten, den Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen und Segenshandlungen widmen. Diese Arbeit macht ihm viel Freude. Er soll ja alles tun, was Freude macht.

-Was ist das noch?

Besuche, Seelsorge und in der Freizeit das Wandern. Er macht Flusswanderungen. Die Isar und Ammer hat er schon erwandert, die Amper fast.

-Gibt es jetzt schon Einschränkungen, Dinge, die er nicht mehr machen kann, die schwer fallen, die nicht mehr gehen?

Multitasking, was zum Beruf des Pfarrers gehört, geht nicht mehr. Also wenige, wirklich wenige Termine. Andernfalls spürt mein Mann das körperlich, als ob ihm ein Eisenring um seinen Kopf gelegt würde. Er schafft letztlich nicht, was er schaffen möchte. Um nur ein Beispiel zu nennen.

-Hilft Ihnen beiden beim Umgang mit der Krankheit der Glaube?

Wir sind beide gläubig und haben ein tiefes Gottvertrauen. Das trägt und ermöglicht uns, dass wir beide keine Angst haben. Vor zwei Jahren hatten wir Silberhochzeit. Da haben wir darüber nachgedacht, wie Liebe im Alter ausschaut. Ich kann mir vorstellen, dass ich meinen Mann bis zum Schluss lieben kann. Es ist nicht der Verstand, der einen Menschen ausmacht. Da gibt es schon mehr. Aber altert man gemeinsam? Es ist wenigen geschenkt, dass sie gleich altern. Wie schafft man das? Ich bitte um Führung.

Hans Martin Schroeder: Ich ändere nichts, wenn ich mich gräme. Ich freue mich jetzt auf die neue Zeit und ich freue mich darüber, dass es nicht ein Abschied ohne Wehmut ist. Wir haben hier Menschen, die wir im Herzen als Freunde mitnehmen und vielseitige Kontakte, aus denen Freundschaften erwachsen sind.

-Was hat Ihnen in Starnberg am meisten Freude gemacht?

Hans Martin Schroeder
: Die Konfirmanden-Familienbesuche. Ich bin begeistert, wie aufgeschlossen und sicher die jungen Menschen im Gespräch sind. Das Bildungsbürgertum habe ich schon sehr genossen und die Offenheit der Jugendlichen. Besonders gerne habe ich aber auch immer die Gemeindemitglieder an der Kirchentür begrüßt, wo man sich oft mit wenigen Worten ausgetauscht hat. So manches Mal konnte ich dann auch in meiner Predigt auf solch ein Gespräch eingehen. Ich werde auch die Tafel vermissen, wo ich seit einem Jahr Seelsorge über die Gemüsekiste weg gemacht habe und mich jede Woche über die Flüchtlingsfamilie gefreut habe, die dort mitarbeitet.

Elke-Maria Schroeder: Ich habe immer gerne Veranstaltungen organisiert. In Rosenheim haben wir ein großes Wohnzimmer… Die Krankheit hat uns daran erinnert, dass das Leben ausschließlich jetzt in diesem Augenblick stattfindet. Es kann immer auch etwas passieren, dass Alzheimer plötzlich gar keine Rolle mehr spielt. Natürlich haben wir Patientenverfügung, Betreuungsverfügung und Testament gemacht. Aber wir leben. Jetzt. Wir werden sehen, was die Zeit bringt.

Hans Martin Schroeder: Das Leben ist eine große Kraft. Wir wollen es leben.

Quelle: Starnberger Merkur vom 8. November 2017